Vortrag: Lew Tolstoi und Heinrich Vogeler. Zwei Künstler und Pazifisten als Schulgründer
Vortrag in deutscher Sprache von Dr. Christian Hufen
Beschreibung
Der Vortrag widmet sich zwei außergewöhnlichen schulischen Experimenten und zeichnet dabei einen deutsch-russischen Ideenaustausch in der Bildungsgeschichte nach.
Im Mittelpunkt stehen Lew Tolstoi und Heinrich Vogeler, die in unterschiedlichen historischen Kontexten, aber mit erstaunlichen Parallelen, neue Wege der Erziehung suchten. Schon vor der Aufhebung der Leibeigenschaft im Russischen Reich 1861 befreite Tolstoi seine eigenen Bauern und richtete für deren Kinder eine Grundschule ein. Eine Reise nach Deutschland brachte ihn mit führenden Pädagogen seiner Zeit in Kontakt und bestärkte ihn in der Überzeugung, dass Russland einen eigenständigen Weg in der Volksbildung entwickeln müsse. Sein kurzlebiges Schulprojekt, das 1862 von der zaristischen Polizei beendet wurde, sowie sein weit verbreitetes ABC-Lesebuch machten ihn zu einem frühen Vertreter einer kindgerechten, gewaltfreien und zugleich traditionsbewussten Pädagogik. Diese Ideen wirkten weit über Russland hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg griff Heinrich Vogeler sie auf und gründete 1919 auf seinem Landsitz in Worpswede eine Kommune, in der Kinder in einer reformpädagogisch geprägten Arbeitsschule unterrichtet wurden. Sein Verzicht auf Privatbesitz, sein radikaler Pazifismus und sein pädagogisches Engagement stehen in deutlicher Nähe zu Tolstois Gedankenwelt. Nach dem Scheitern des Experiments reiste Vogeler 1923 in die Sowjetunion, arbeitete dort als Künstler und Lehrer, beschäftigte sich intensiv mit dem dortigen Bildungssystem und verarbeitete seine Eindrücke später in seinen „Komplexbildern“.
So entsteht ein vielschichtiges Bild gegenseitiger Einflüsse zwischen russischer und deutscher Bildungs- und Kulturgeschichte, das von frühen Reformideen Tolstois bis zu Vogelers künstlerischer Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Erziehungsmodell reicht.